Arzt-Patienten-Abend mit Prof. Dr. Scheppach am 22. September 2015

Arzt-Patienten-Abend mit Prof. Dr. W. Scheppach
am 22. September 2015 im Juliusspital Würzburg.

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen – was gibt es Neues?

Vollbesetzter Veranstaltungsraum

Besprochen wurden neue Entwicklungen in der Therapie bei einem Arzt-Patienten-Abend, veranstaltet von der Würzburger Selbsthilfegruppe Morbus Crohn/Colitis ulcerosa zusammen mit dem Juliusspital Würzburg. Mehr als 90 Besucher drängten sich im Raum „Siebold“ des Krankenhauses.

Eine Zusammenfassung des Referats von Professor Dr. Wolfgang Scheppach, Chefarzt der Medizinischen Klinik Juliusspital mit Schwerpunkt Gastroenterologie / Rheumatologie:

  1. Präparate mit dem Inhaltsstoff 5-Aminosalicylsäure sind in ihrer Bedeutung eher rückläufig. Eine klare Indikation besteht in der Remissionserhaltung der Colitis ulcerosa, nicht des Morbus Crohn. Bei beiden Krankheiten kann 5-Aminosalicylsäure in der Therapie milder Schübe eingesetzt werden.
  2. Budesonid ist als lokal wirksames Kortikosteroid mit geringen bis fehlenden systemischen Nebenwirkungen seit Jahren in der Behandlung des ileozökalen Morbus Crohn (orale Applikation) und der distalen Colitis ulcerosa (rektale Applikationen als Klysma oder Schaum) etabliert. Neu auf dem Markt ist die orale Darreichung Budesonid MMX mit gradueller Freisetzung des Wirkstoffs im Verlauf des gesamten Dickdarms. Damit können nun auch leichte bis mäßig schwere Schübe einer Pancolitis ulcerosa mit Budesonid behandelt werden, wenn eine Therapie mit 5-ASA nicht ausreicht.
  3. Neu ist auch die Vorgehensweise nach einer Darmresektion wegen Morbus Crohn. Bislang wurde die postoperative medikamentöse Behandlung ausschließlich am Krankheitsverlauf vor der Operation orientiert. In einer australischen Studie war es für die Patienten vorteilhaft, wenn 6 Monate postoperativ eine Dickdarmspiegelung vorgenommen wurde und wenn die Therapieintensität je nach Entzündungszustand der Schleimhaut angepasst wurde. Dieses Vorgehen wird mutmaßlich zu einem Therapiestandard werden.
  4. Eine Stuhltransplantation bedeutet, dass Stuhl eines gesunden Spenders in einen erkrankten Darm eingebracht wird. Mit dieser für manche Menschen ekligen Prozedur wurden Erfolge bei der durch das Bakterium Clostridium difficile verursachten Kolitis erzielt. Bei entzündlichen Darmerkrankungen ist die Datenlage derzeit widersprüchlich. Deshalb wird zu abwartendem Verhalten geraten, bis diese umstrittene Therapieform standardisiert und weiter erprobt ist.
  5. Vedolizumab ist ein neues Biologikum, welches sich im Wirkmechanismus von den TNFα-Blockern unterscheidet: Es bewirkt selektiv am Darm die Einwanderung von Entzündungszellen aus den Blutgefäßen in das entzündete Gewebe. Vedolizumab kann bei mittel-schweren bis schweren Schüben von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eingesetzt werden, wenn eine konventionelle Therapie (v.a. Azathioprin) oder Therapie mit TNFα-Blockern unzureichend anspricht, nicht mehr anspricht oder unverträglich ist. Zu beachten ist der verzögerte Wirkungseintritt von ca. 10 Wochen (Colitis ulcerosa) bzw. 14 Wochen (Morbus Crohn).
  6. Wegen des Ablaufs des Patentschutzes von Infliximab 2014 ist der Markt für Nachahmer-Produkte eröffnet. Da es sich um komplizierte Eiweißkörper handelt, ist der Nachbau nicht einfach. In der EU zugelassen wurde ein dem Infliximab ähnlicher Antikörper, der unter den Handelsnamen Remsima® und Inflektra® angeboten wird. Studien zur Wirksamkeit am Darm liegen im Gegensatz zu rheumatologischen Indikationen nicht vor. Erste klinische Erfahrungen lassen jedoch vermuten, dass chronisch entzündliche Darmerkrankungen auf den Antikörper ansprechen. Ob mit dem Einsatz der Biosimilars zusätzliche Risiken verbunden sind, wird sich mit der Zeit herausstellen.

Aufgrund der rasanten Entwicklung auf dem Gebiet der Molekularbiologie ist damit zu rechnen, dass sehr bald weitere Substanzen Marktreife erlangen und in die herkömmlichen Therapiealgorithmen eingefügt werden müssen.

Vor dem Referat informierte Karl Loritz über die Würzburger Selbsthilfegruppe und die Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung – DCCV e.V., mit der die Selbstjilfegruppe kooperiert.